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Mittwoch, 1. Juni, 20 Uhr

«Krieg ohne Krieg»

Der Fotograf Meinrad Schade referiert über sein Langzeitprojekt

Im Gegensatz zur klassischen Kriegsfotografie geht es in Meinrad Schades fotografischem Projekt «Vor, neben und nach dem Krieg – Spurensuche an den Rändern der Konflikte» um Schauplätze, die sich in unterschiedlicher räumlich-zeitlicher Distanz zu den eigentlichen Kriegen befinden – also um das Leben neben dem Krieg, nach dem Krieg und um die Vorzeichen: Möglicherweise wird auch unsere Zeit eines Tages von der Geschichtsschreibung als Vorstufe zu einem heute noch unbekannten Krieg gelesen. Friedenszeiten wären so, wie der Schriftsteller Kurt Guggenheim (1896–1983) es einmal geschrieben hat, «Inkubationsfristen des Krieges».

 

Meinrad Schade selbst sagt: «In meiner Arbeit geht es darum, Kriegsfotograf zu sein, ohne in den Krieg zu gehen. Das hat natürlich etwas Anmassendes: Wer sich den Gefahren des Krieges nicht aussetzt, ist auch kein richtiger Kriegsfotograf, könnte man einwenden.» Meinrad Schade, der selbstverständlich wichtig findet, dass Fotografen ins Epizentrum von Konflikten reisen, geht einen anderen Weg. Einerseits aus Angst, wie er freimütig zugibt, andererseits, weil er denkt, dass allzu viele Berichterstatter sich um die jeweils gleiche Extremsituationen kümmern. Was in den Medien wenig thematisiert wird, sind die Nebenschauplätze, die Langzeitfolgen, die Spuren in der Landschaft und in den Seelen und Köpfen der Menschen. «Es sind all diese Nichtgeschichten und Nebenschauplätze, die in ihrer Gesamtheit ebenso zum Bild der Welt beitragen und meiner Meinung nach zu kurz kommen, und in ihrer Bedeutung unterschätzt werden.»

 

Meinrad Schade fragt sich, welche Anzeichen, Vorbereitungen, Vorgeschichten einen Krieg ankündigen. Er fragt sich weiter, was neben den eigentlichen Kriegsschauplätzen geschieht, wie dort die Auswirkungen zu sehen sind. Und er fragt sich, wie lange welche Spuren sichtbar bleiben: «Wann beginnt überhaupt ein Krieg und wann hört er auf? Wie lange bebt er nach?» Nachkriegszeiten können zu Vorkriegszeiten werden, das erfahren wir immer wieder. Folgen für die körperliche Gesundheit sind in verschiedenen Formen zu beobachten. Und die seelischen Wunden werden an die nächste, ja übernächste Generation weitergegeben. 

 

Meinrad Schade

Meinrad Schade, 1968 in Kreuzlingen geboren, entschied sich 1996 nach Abschluss des Studiums der Biologie an der Universität Zürich für die Fotografie. Die Ausbildung zum Fotografen machte er 1997/98 im Rahmen der Gruppe Auto-

didaktischer FotografInnen (GAF) in Zürich und absolvierte 1999/2000 am Medienausbildungs-

zentrum (MAZ) den Lehrgang für Pressefotografie.

 

Nach einer Festanstellung als Pressefotograf beim St. Galler Tagblatt machte sich Meinrad Schade 2002 als Porträt- und Reportage-

fotograf selbständig und trat der Agentur Lookat Photos bei. Neben seiner kommerziellen Tätigkeit und dank Werkbeiträgen der Kulturstiftung des Kantons Thurgau verfolgt er seit 2003 diverse Langzeitprojekte, die in Ausstellungen zu sehen sind. 2011 wurde er mit dem Swiss Photo Award sowie mit dem ewz.selection-Preis in der Kategorie «Redaktionelle Fotografie» ausgezeichnet. 2013 gewann er den n-ost Reportagepreis in der Kategorie «Fotoreportage». Sein Projekt Vor, neben und nach dem Krieg führt er in Israel/Palästina weiter.

 

> www.meinradschade.ch